Ja, er musste auf dieses Konzert, und nein, er konnte sie nicht mitnehmen. "Nie soll ich auf deine Konzerte", klagte sie, "noch nicht ein einziges Mal habe ich dich live hören können."
Damit tat sie ihm Unrecht. An so manchem Abend hatte er ihr auf der Gitarre vorgespielt und dazu gesungen, und in einem dieser Momente war ihr klar geworden, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Über die letzten beiden Jahre hatte sie ihn sicher öfter live gehört als jeder andere.
Aber es gab Dinge, die er nicht mit ihr teilte, von denen er offenbar nicht einmal wollte, dass sie sie auch nur aus der Ferne sah. Er hatte Freunde, darunter die Jungs aus seiner Band, die er ihr noch nie vorgestellt hatte, und er ging zu Treffen, über die er ihr gegenüber selten auch nur ein Wort verlor. "Das ist so ein Männer-Ding, das musst du respektieren", hatte er gesagt, "ich respektiere ja auch deine Weiber-Sachen."
Dienstag, 10. Mai 2011
Sonntag, 8. Mai 2011
Hieb- und stichfest - Kapitel 16
"Wo waren Sie während des Überfalls?" "Was haben Sie beobachtet?" "Wie viele Täter haben Sie gesehen?" "Können Sie die Täter beschreiben?" "Haben Sie in den Minuten vor dem Überfall etwas ungewöhnliches bemerkt?" Dass bei einer polizeilichen Ermittlung jeder der Zeugen die selben Fragen mehrfach gegenüber verschiedenen Polizeibeamten beantworten muss, ist keine Ermittlungstaktik, sondern ein schlichter Mangel an Koordination.
Wie jeden anderen der Gäste und Angestellten hatten die Ermittler auch Maria Cabagnelli befragt. Auf einer Skizze hatte sie markieren sollen, wo sich jeder einzelne zum Zeitpunkt des Überfalls aufgehalten hatte. Sie hatte die Polizisten darauf aufmerksam gemacht, dass sie selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht im Gastraum gewesen sei, dennoch hatten die Beamten sie gedrängt, die Skizze zu vervollständigen. Erst danach hatten sie ihr eine Betreuung durch einen Psychologen angeboten, der etwa eine halbe Stunde nach den ersten Beamten am Ort des Geschehens eingetroffen war. Maria Cabagnelli hatte dankend abgelehnt und war vor die Tür getreten. Drinnen war ihre Freundin Andrea noch mit ihrer Aussage beschäftigt, die sie immer wieder laut schluchzend unterbrechen musste.
Wie jeden anderen der Gäste und Angestellten hatten die Ermittler auch Maria Cabagnelli befragt. Auf einer Skizze hatte sie markieren sollen, wo sich jeder einzelne zum Zeitpunkt des Überfalls aufgehalten hatte. Sie hatte die Polizisten darauf aufmerksam gemacht, dass sie selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht im Gastraum gewesen sei, dennoch hatten die Beamten sie gedrängt, die Skizze zu vervollständigen. Erst danach hatten sie ihr eine Betreuung durch einen Psychologen angeboten, der etwa eine halbe Stunde nach den ersten Beamten am Ort des Geschehens eingetroffen war. Maria Cabagnelli hatte dankend abgelehnt und war vor die Tür getreten. Drinnen war ihre Freundin Andrea noch mit ihrer Aussage beschäftigt, die sie immer wieder laut schluchzend unterbrechen musste.
Freitag, 6. Mai 2011
Hieb- und stichfest - Kapitel 15
"Diese Kaltblütigkeit hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut", lächelte Gianna Modugno. Stieglitz und sie saßen jetzt im Pinocchio und warteten auf ihr Essen.
"Ich Ihnen schon", entgegnete Stieglitz, "von Berufs wegen. Ihres Berufs wegen, um genau zu sein."
Von außen wirkte die Pizzeria sehr einfach, schon fast etwas schäbig, doch das Innere entschädigte dafür vollständig. Der Innenraum war fast quadratisch, und maß in jede Richtung in etwa acht Meter. Die Wände waren mit einer Art cremefarbenem Glanzputz versehen, in den die Maler eine dezente Bordüre eingearbeitet hatten. Der Boden wirkte auf den ersten Blick, als sei er aus hellem Marmor, und nur Kenner konnten darin ein strapazierfähiges Laminat erkennen. Der hintere Bereich, von dem aus eine Tür in die Küche führte, war durch einen Tresen abgetrennt, der mit dem gleichen Material verkleidet zu sein schien. Die Tische waren teils für Vierergruppen zusammengestellt, zum größeren Teil standen sie jedoch einzeln, sodass an ihnen zwei Personen gemeinsam essen konnten. Auf makellosen weißen Tischdecken lagen ebensolche Stoffservietten, und in der Mitte jedes Tisches stand eine einzelne Kerze aus rotem Wachs in einem schlichten Metallkerzenständer. Die Stühle waren mit Korb durchflochtene Stahlgestelle mit hoher Rückenlehne, die beim Setzen und Aufstehen federnd ein klein wenig nachgaben.
"Ich Ihnen schon", entgegnete Stieglitz, "von Berufs wegen. Ihres Berufs wegen, um genau zu sein."
Von außen wirkte die Pizzeria sehr einfach, schon fast etwas schäbig, doch das Innere entschädigte dafür vollständig. Der Innenraum war fast quadratisch, und maß in jede Richtung in etwa acht Meter. Die Wände waren mit einer Art cremefarbenem Glanzputz versehen, in den die Maler eine dezente Bordüre eingearbeitet hatten. Der Boden wirkte auf den ersten Blick, als sei er aus hellem Marmor, und nur Kenner konnten darin ein strapazierfähiges Laminat erkennen. Der hintere Bereich, von dem aus eine Tür in die Küche führte, war durch einen Tresen abgetrennt, der mit dem gleichen Material verkleidet zu sein schien. Die Tische waren teils für Vierergruppen zusammengestellt, zum größeren Teil standen sie jedoch einzeln, sodass an ihnen zwei Personen gemeinsam essen konnten. Auf makellosen weißen Tischdecken lagen ebensolche Stoffservietten, und in der Mitte jedes Tisches stand eine einzelne Kerze aus rotem Wachs in einem schlichten Metallkerzenständer. Die Stühle waren mit Korb durchflochtene Stahlgestelle mit hoher Rückenlehne, die beim Setzen und Aufstehen federnd ein klein wenig nachgaben.
Donnerstag, 5. Mai 2011
Hieb- und stichfest - Kapitel 14
Das San Lorenzo, zur besten Zeit, voll mit Gästen, und seine Schwiegertochter Maria nur durch einen glücklichen Zufall nicht im Gästeraum, eine ihrer Freundinnen tot, Gian Luca, der Oberkellner, auf der Intensivstation, die Kasse geraubt: Sergio Cabagnelli saß an einem wuchtigen antiken Schreibtisch in seiner Bibliothek und ließ sich von seinem Sohn Enrico am Telefon jede Einzelheit des Überfalls schildern, so wie Enrico sie in Erfahrung gebracht hatte. Vor ihm lag ein aufgefächerter Papierstapel. Die einzelnen Seiten waren eng mit einer altmodischen Schreibmaschine beschrieben. Rechts davon lagen übereinander drei im A4-Format ausbelichtete Farbfotos.
"Wer ist das?! Wer tut das?! Das ist unsere gottverdammte Stadt!" In Enricos Wut mischten sich Unglauben und leise Verzweiflung, so als könnten nur überirdische, unbezwingbare Mächte es überhaupt gewagt haben, das Protektorat der Cabagnellis anzurühren. Und in der Tat hatten er dafür gesorgt, dass in der ganzen Stadt kein Ladendieb auch nur eine Schachtel Zigaretten aus einem Laden zu stehlen wagte, der den Schutz der Cabagnellis genoss.
"Wer ist das?! Wer tut das?! Das ist unsere gottverdammte Stadt!" In Enricos Wut mischten sich Unglauben und leise Verzweiflung, so als könnten nur überirdische, unbezwingbare Mächte es überhaupt gewagt haben, das Protektorat der Cabagnellis anzurühren. Und in der Tat hatten er dafür gesorgt, dass in der ganzen Stadt kein Ladendieb auch nur eine Schachtel Zigaretten aus einem Laden zu stehlen wagte, der den Schutz der Cabagnellis genoss.
Mittwoch, 27. April 2011
Der letzte Sturm
„Steuerbord! Verfluchter Sohn einer achtköpfigen Höllenhure, hart Steuerbord!“ Kapitän Holgers brüllte zum Rudergänger hinüber, doch der Sturm verschluckte beinahe jedes Wort. Die Santa Barbara lag jetzt fast quer zur Richtung der Wellen, die krachend am Rumpf des Schiffes brachen. Jeden Augenblick konnte der Schoner querschlagen und kentern.
Tausendsiebenhundertvierundzwanzig Seemeilen über Grund hatte der Schoner in den letzten zwei Wochen zurückgelegt. Zwei Tage hatten sie gegen den Wind kreuzen müssen, zwei weitere Tage waren sie einen Kurs hart am Wind gesegelt, doch je weiter sie nach Osten gekommen waren, desto besser schien es das Wetter mit ihnen zu meinen: Fast eine Woche waren sie bei steifer Brise raumschots dahin gesegelt. Der Sturm war aufgekommen, als sie nur noch fünfzig Seemeilen von ihrem Zielhafen entfernt waren.
Tausendsiebenhundertvierundzwanzig Seemeilen über Grund hatte der Schoner in den letzten zwei Wochen zurückgelegt. Zwei Tage hatten sie gegen den Wind kreuzen müssen, zwei weitere Tage waren sie einen Kurs hart am Wind gesegelt, doch je weiter sie nach Osten gekommen waren, desto besser schien es das Wetter mit ihnen zu meinen: Fast eine Woche waren sie bei steifer Brise raumschots dahin gesegelt. Der Sturm war aufgekommen, als sie nur noch fünfzig Seemeilen von ihrem Zielhafen entfernt waren.
Dienstag, 26. April 2011
Hieb- und stichfest - Kapitel 13
"Sie verzeihen uns hoffentlich die Störung, aber meine Gattin und ich müssten dringend ein paar Worte mit Ihnen wechseln", leitete Stieglitz das Gespräch mit Schultheiss ein, der an der Rezeption saß und dabei war, ein Kreuzworträtsel lösen, das er sich aus der letzten Wochenendausgabe der Tageszeitung aufbewahrt hatte.
Irritiert blickte der alte Hotelier auf. "Es ist doch hoffentlich alles zu Ihrer Zufriedenheit?"
"Vielleicht wäre es besser, in Ihr Büro zu gehen. Ich bin sicher, dass Diskretion auch in Ihrem besten Interesse sein dürfte", führte Gianna die Unterhaltung fort. Schultheiss sah sie fragend an. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie den herausgebrochenen Türgriff des Kleiderschranks. Sie drehte ihn so, dass Schultheiss ihn und seine ungewöhnliche Einlage genau betrachten konnte.
Irritiert blickte der alte Hotelier auf. "Es ist doch hoffentlich alles zu Ihrer Zufriedenheit?"
"Vielleicht wäre es besser, in Ihr Büro zu gehen. Ich bin sicher, dass Diskretion auch in Ihrem besten Interesse sein dürfte", führte Gianna die Unterhaltung fort. Schultheiss sah sie fragend an. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie den herausgebrochenen Türgriff des Kleiderschranks. Sie drehte ihn so, dass Schultheiss ihn und seine ungewöhnliche Einlage genau betrachten konnte.
Montag, 25. April 2011
Hieb- und stichfest - Kapitel 12
"Du hast Ihn verloren! Buono a nulla! Deficiente! Wie kannst du ihn verlieren?"
Maria Cabagnelli saß mit zwei Freundinnen im San Lorenzo, einem schicken hellen Restaurant am Ortsrand und konnte offenbar nur mit Mühe ihre Wut zügeln. Gerade eben hatte ihr Telefon geklingelt, und das Konterfei von Boris Karloff in seiner Paraderolle als Frankensteins Monster war auf dem Display erschienen. Dieses Gesicht teilten sich auf ihrem Smartphone ausnahmsweise mehrere Männer. Männer, die eigentlich für ihren Gatten Enrico arbeiteten, nützliche Idioten ohne einen Wert an sich.
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