Samstag, 21. Mai 2011

Die Zugfahrt

Ein Sturm blies an jenem Abend über den Westen des Landes, wie es schon lange keinen mehr gegeben hatte. Der Wind riss Dächer ein, brach Äste von Bäumen ab, knickte Ampelanlagen. Noch fuhren die Züge ungehindert, aber die großen Glasscheiben, die das Wartehäuschen am Bahnhof Sennestadt umgaben, vibrierten so unberechenbar, dass Alexander Ellert, offenbar der einzige, der den 22-Uhr-Zug nach Paderborn nehmen wollte, ein Stück weit rechts davon im freien auf den Zug wartete.

Mit acht Minuten Verspätung kam der Zug am Bahnhof an. Ellert entriegelte die Tür des hinteren Wagens und schloss sie mit einem kräftigen Ruck gleich wieder hinter sich. Der Wagen war fast leer, von einem Teenagerpärchen abgesehen, das knutschend auf einer Sitzbank am anderen Ende saß, und einer korpulenten Frau in den Fünfzigern, die von ihrem Platz in der Mitte des Wagens aus missbilligende Blicke in Richtung der Teenager warf.

Ellert hatte sich gerade auf einen zerschlissenen Polstersitz im vorderen Teil fallen gelassen, da nahm der Zug auch schon wieder laut rumpelnd Fahrt auf. Um 22 Uhr 43 würde er laut Fahrplan an der Haltestelle Kasseler Tor in Paderborn eintreffen. Die Verspätung und eventuelle weitere Verzögerungen eingerechnet, würde es wohl etwa Elf werden, rechnete Ellert sich aus. Er streckte sich nach dem Magazin, das wohl ein anderer Fahrgast auf der ihm gegenüberliegenden Sitzbank vergessen hatte und blätterte darin. "Die neuen Atommächte" war der Aufmacher betitelt, der sich über acht Seiten erstreckte. Von zwei dieser Seiten starrten Ellert die Gesichter der Mächtigen an, die über Nuklearwaffen verfügten: "Der jüngste: Kim Jong-un", hieß es da, "Der gläubigste: Ajatollah Sejed Ali Chamenei", "Die charmanteste: Marine Le Pen", "Der beliebteste: Jacob Zuma"... Ellert überflog die kurzen Texte neben den Porträtfotos, in denen sich die Autoren bemüht hatten, biografische Informationen und Einschätzungen der politischen Positionen zu kombinieren.

Die Deckenlampen begannen zu flackern und verloschen dann. Der Zug fuhr über eine freie Strecke, und eine dichte Wolkendecke schirmte die Himmelskörper ab, sodass auch von außen nur wenig Licht einfiel. Im Zug waren nur noch schemenhafte Konturen zu sehen. Vielleicht zehn Sekunden später war das Licht wieder da. Der Zug ratterte und rumpelte jetzt heftiger über die Gleise, die Vibrationen wurden so stark, dass Ellert es aufgab, weiter in dem Magazin zu lesen, und die Fahrgeräusche waren im Wageninneren so laut geworden, wie wenn alle Türen und Fenster geöffnet wären. Der Lärmpegel schien immer noch weiter anzusteigen, die Fensterscheiben klapperten, als seien sie kurz davor, zu bersten.

Dann verlosch das Licht erneut. Gleichzeitig änderte sich das Rumpelgeräusch in ein nicht minder lautes metallisches Quietschen und Knirschen, das aber bald verebbte. Offenbar war der Zug stehen geblieben. Die beiden Teenager ließen voneinander, und pressten ihre Gesichter an eine Fensterscheibe. Die korpulente Dame rief mit Kieksstimme immer wieder "Was ist da los? Was ist da los?" Ellert wollte auf seine Armbanduhr sehen, konnte die Zeiger aber in der Dunkelheit nicht erkennen. Er holte sein Handy aus der Jackentasche las die Uhrzeit ab: Kurz vor halb elf. Die Anzeige für die Empfangsqualität blinkte: Kein Netz.

"Da fährt er! Das ist doch unser Zug!" Die Teenagerin hatte ihr Gesicht immer noch gegen das Zugfenster gepresst, und schrie in die Scheibe hinein, während sie der Lokomotive hinterhersah, die sich, mit nur noch einem Wagen behängt, in einer langgestreckten Kurve von ihnen entfernte.

"Die haben uns abgehängt! Wir müssen hier raus!" Die korpulente Dame erhob sich halb von ihrem Sitz, ließ sich dann aber wieder sinken. "Oder?"

"Bei dem Wetter und irgendwo in der Pampa? Nein, die Bahn wird bestimmt bald eine Hilfslok schicken und uns zumindest zum nächsten Bahnhof schleppen. Hier sitzen wir warm und trocken, und der Sturm haut uns keine Äste um die Ohren. Ich finde, wir sollten abwarten. Aber vielleicht kann einer von Ihnen den Notruf wählen, nur für alle Fälle. Ich habe leider kein Netz", sagte Ellert mit ruhiger Stimme. Die beiden Jugendlichen kramten ihre Handys hervor. "Ich auch nicht." "Ne, gar nichts, Scheiße."

Ellert steckte den Kopfhörer an sein Handy und wählte die Radio-Funktion, doch der Suchlauf fand auf keiner UKW-Frequenz einen Sender. "Das muss hier wirklich ein totales Funkloch sein", schloss Ellert. "Vielleicht liegt es auch an dem Gewitter", meinte der junge Mann. Irgendwo in der Ferne schien der Himmel immer wieder einmal aufzuleuchten, und unter das Heulen des Sturms mischte sich von Zeit zu Zeit ein tiefes Grollen. Dann kam ein anderes Geräusch dazu: Der auf- und abschwellende Heulton einer Sirene. Dann einer zweiten, die aus einer anderen Richtung zu kommen schien.

"Muss ein ziemlich heftiges Unwetter sein, wenn sie jetzt schon die Sirenen einschalten", sagte Ellert, "gut, dass wir im Zug geblieben sind."

"Wann kommen die denn endlich und holen uns ab?!", lamentierte die korpulente Dame. Die anderen gingen nicht auf sie ein.

Mit einem Mal fiel Licht durch die Fenster und es wurde hell wie an einem heißen Sommertag zur Mittagszeit. "Ich seh nichts mehr! Blind, ich bin blind!", schrie die korpulente Dame auf, die in diesem Moment aus dem Fenster direkt in die Lichtquelle geblickt hatte, und brach in hemmungsloses Schluchzen aus.

Das Licht wurde bald wieder schwächer, doch immer neue solcher Quellen schienen aufzuflammen und alles in ein gleißendes Licht zu tauchen, begleitet von tiefem, lauten Donner. Erst nach einiger Zeit wagte Ellert einen Blick aus dem Fenster. Zu seiner Überraschung konnte er jetzt deutlich ausmachen, wo sich ihr abgehängter Wagen befand: Ziemlich genau zwischen Bielefeld und Paderborn. Über beiden Städten standen Explosionswolken, an deren oberen Enden sich ringförmige, leuchtende Wolkenschläuche gebildet hatten, die den Wolken ihr charakteristisches, pilzähnliches Aussehen gaben.

"Hören Sie doch, ich bin blind!", jammerte die korpulente Dame erneut.

"Glauben Sie mir", antwortete Ellert sanft, "es ist besser so."

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