Samstag, 23. April 2011

Hieb- und stichfest - Kapitel 11

Das "verlorene Paradies" war eine der billigeren Absteigen der Stadt. Dennoch war Karl Schultheiss, der einundsiebzigjährige Inhaber, Direktor und Portier in einer Person, um einen seriösen, gediegenen Auftritt bemüht.

"Herzlich willkommen, Herr Helmholtz", begrüßte er Stieglitz, der sich unter diesem Namen vorgestellt hatte, "Zimmer 17 im ersten Stock, Ihre Gattin erwartet Sie bereits."

Stieglitz bedankte sich lächelnd und stieg die Treppe hinauf. Er trug nur den kleinen Koffer mit Ausrüstung bei sich, den Lippert ihm mitgegeben hatte. Eine weitaus größere Reisetasche hatte Gianna Modugno ihm mitgebracht. So hoffte er wenigstens. Stieglitz hatte sie noch von Lippert aus angerufen und sie gebeten, alles für den Umzug in das Hotel zu arrangieren. "So, so, meine Gattin, interessant", murmelte er, dann klopfte er an die Tür von Zimmer 17.
"Willkommen im verlorenen Paradies", begrüßte ihn Gianna, die gerade dabei war, den Inhalt eines großen Koffers in einem der Schränke zu verstauen: Blusen, Röcke, Hosenanzüge, Stoffhosen, Dessous - Stieglitz war sich sicher, dass nichts davon aus seiner Wohnung stammte.

"Deine Sachen habe ich schon eingeräumt, Schatz", sagte sie, ohne dabei ihre Tätigkeit zu unterbrechen.

Im ersten Augenblick war Stieglitz von der vertraulichen Anrede irritiert, musste sich aber eingestehen, dass es ihrer Tarnung nicht schaden würde, auch jenseits der Öffentlichkeit wie ein Ehepaar miteinander zu reden.

"Super, Schnucki!", entgegnete er deshalb, während er seine Hälfte des Kleiderschranks inspizierte. Er war sich nicht sicher, ob er ihr von dem GPS-Sender erzählen sollte, den er unter seinem Auto entdeckt hatte. Sofern sich seine Verfolger darauf beschränkt hatten, seine Bewegungen mittels dieses Gerätes zu beobachten, würden sie sich jetzt erst einmal eine Weile damit aufhalten, einem Bus der Linie 31 bei seiner Fahrt durch die Stadt zuzusehen, wo er den Sender unter einen Sitz geklemmt hatte.

"Ich habe einen Hunger wie ein Wolf", sagte er, "lass uns ins Pinocchio gehen, wenn du fertig bist." Das Pinocchio war ein kleines italienisches Restaurant mit Pizza-Lieferservice, nur ein paar Häuser vom "verlorenen Paradies" entfernt. "Ich habe dir übrigens etwas schickes für drunter mitgebracht", zwinkerte er, klappte den kleinen Koffer auf und holte eine zweite Schutzweste heraus. "Trägst du es heute abend?"

"Verführerisch", lächelte Gianna, "aber ich habe schon etwas ganz exklusives für 'drunter'." Mit diesen Worten begann sie, die obersten Knöpfe ihrer dunkelgrünen Bluse zu öffnen.

"Dass du gut ausgestattet bist, weiß ich ja schon lang", sagte Stieglitz anerkennend, "aber damit hast du mich doch mal wieder überrascht." Wer nicht wusste, dass sie eine Schutzweste trug, würde es ihr tatsächlich nicht ansehen. 'Erstaunlich', dachte er bei sich, 'auch eine Anwältin hat einen gewissen menschlichen Charme.' Allerdings war er sich nicht ganz im klaren darüber, welchen Sinn dieses Spiel genau hatte: Die Leute, die hinter den Morden im Umfeld von Enrico Cabagnelli steckten, kannten dieses Umfeld zu gut, um sich davon täuschen zu lassen. Allenfalls den alten Hotelier würden sie so aufs Glatteis führen. Aber der würde sie ja wohl kaum bespitzeln.

"Jetzt mal Spaß beiseite...", fing er an, aber Gianna legte schnell den Zeigefinger auf ihre Lippen und zog ihn ins Bad, das zu ihrem Hotelzimmer gehörte. Sie drehte den Wasserhahn auf, setzte die Dusche in Gang und begann, mit gedämpfter Stimme zu sprechen:

"Zunächst möchte ich Sie bitten, mein Verhalten nicht zu missdeuten", war sie plötzlich wieder ganz die nüchterne Anwältin, und fuhr dann fort:

"Ich habe im Türgriff des Kleiderschranks ein Abhörgerät entdeckt. Es steckt wahrscheinlich schon länger dort, sonst wären frische Werkzeugspuren zu sehen gewesen, es ist aber alle Kanten stumpf und matt. Ich glaube nicht, dass es jemand damit auf Sie und mich abgesehen hat, wir können es aber nicht riskieren, im Zimmer frei zu sprechen. Spielen Sie also bitte weiter den guten Ehemann - aber behalten Sie Distanz, denn eine Kamera, der Sie etwas vormachen müssten, habe ich nicht entdeckt."

Es mochte stimmen, dass die Wanze schon länger in ihrem Zimmer montiert war. Dass sie beide zufällig in einem verwanzten Zimmer einquartiert worden waren, wollte Stieglitz dennoch nicht recht glauben:

"Sind Sie mit Ihrem eigenen Auto hergekommen?"

"Mit dem Taxi, wie ausgemacht. Mit dem vierten von fünf Taxen, die am Bahnhof auf Fahrgäste warteten. Mir ist definitiv niemand gefolgt."

"Könnte es sein, dass unsere Telefonate abgehört wurden?"

"Möglich, aber unwahrscheinlich. Ich habe Sie zwar zuerst auf Ihrem Smartphone angerufen, über den Umzug ins Hotel haben wir aber per Bürotelefon gesprochen - für meines kann ich die Hand ins Feuer legen, und auch Ihrem Freund Lippert dürfte so schnell niemand ein Ei ins Nest gelegt haben."

"Und als Sie hier angekommen sind..."

"... hat mir Schultheiss drei freie Zimmer genannt, von denen ich dieses ausgesucht habe. Es hätte überhaupt niemand die Möglichkeit gehabt, da noch schnell ein Abhörgerät zu montieren."

Stieglitz atmete hörbar erleichtert aus. "Ich weiß, was hier gespielt wird. Kommen Sie, wir spielen ein wenig mit."

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