Dienstag, 12. April 2011

Hieb- und stichfest - Kapitel 4

"Guten Morgen. Enrico Cabagnelli schickt mich. Darf ich hereinkommen?" Stieglitz war misstrauisch. Die schlanke Frau an seiner Wohnungstür, vielleicht Ende zwanzig, leicht südländische Gesichtszüge, glatte dunkle Haare, die offen über ihre Schultern fielen, war in einen dunklen Hosenanzug gekleidet. Auftreten und Erscheinung erinnerten Stieglitz an eine Anwältin oder Steuerprüferin, und mit beiden Berufsgruppen stand er sich nicht sonderlich gut. "Ach, entschuldigen Sie, ich habe mich gar nicht vorgestellt: Gianna Modugno, ich bin Herr Cabagnellis Mitarbeiterin, und soll Ihnen bei Ihrem Auftrag assistieren. Sollen wir uns nicht doch lieber drinnen darüber unterhalten?"

"Ja natürlich, kommen Sie herein. Gehen Sie gleich durch ins Wohnzimmer." Stieglitz trat einen Schritt zur Seite und deutete mit ausgestrecktem Arm in Richtung seines Wohnzimmers. Die Observation, so hatte er es mit Cabagnelli vereinbart, würde er am kommenden Montag beginnen - heute war erst Donnerstag. Außerdem pflegte er Klienten, oder deren 'Mitarbeiterinnen', was immer das in diesem Fall bedeuten mochte, in seiner Detektei zu empfangen und nicht bei sich zu Hause. Und: Dass Cabagnelli ihm eine 'Assistentin' zur Seite stellen würde, hatte er gestern mit keiner Silbe angedeutet. Stieglitz war jetzt hellwach.


"Setzen Sie sich doch." Stieglitz deutete auf einen ausladenden weißen Ledersessel. "Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?"

"Vor Ihrem Kaffee hat Herr Cabagnelli mich zwar ausdrücklich gewarnt, aber - ja, bitte, mit viel Milch, ohne Zucker." Ganz gelang es Gianna Modugno nicht, mit dieser Bemerkung und ihrem Lächeln das Eis zu brechen, Stieglitz zwang sich aber seinerseits zu einem Lächeln und ging in die Küche, wo er einen weißen Porzellan-Kaffeebecher mit dem Aufdruck "Krisenmanager" zu gleichen Teilen mit Milch und Kaffee füllte. Als er zurück kam, hatte sie bereits zwei flache Stapel mit Papieren auf seinem Wohnzimmertisch abgelegt. "Anwältin, ich hätt's mir denken können", dachte Stieglitz bei sich, während er den Kaffeebecher neben den Unterlagen abstellte. Dann setzte er sich auf das Sofa ihr gegenüber und sagte laut:

"Wie kommt es, dass Herr Cabagnelli Sie mit keinem Wort erwähnt hat?"

"Ich habe es ihm erst gestern abend vorgeschlagen. Vielleicht genügt Ihnen das hier, aber Sie können ihn natürlich gern auch selbst fragen." Mit diesen Worten schob sie ihm ein offenbar von Cabagnelli unterschriebenes Schriftstück zu, in dem er Gianna Modugno in verklausuliertem Juristendeutsch diverse Vollmachten im Rahmen der beauftragten Observierung erteilte.

Das Schriftstück schürte Stieglitz' Misstrauen nur noch mehr: Enrico Cabagnelli hatte sogar eine Quittung über die Anzahlung rundheraus abgelehnt, ebenso wie eine schriftliche Vereinbarung darüber, welche Leistungen der Auftrag umfassen würde. Und jetzt saß seine angebliche Mitarbeiterin bei ihm und breitete gleich ganze Stapel von Papieren vor ihm aus. Stieglitz griff zu seinem Mobiltelefon.

Cabagnelli musste ihn schon an der Rufnummer erkannt haben: "Ah, Stieglitz, ich dachte mir, dass Sie anrufen. Sie haben Gianna kennengelernt? Sie werden sie mögen. Sie können das ja nicht alleine schaffen, und ich will nicht, dass noch mehr ihre Nasen in meine Familie stecken. Sie gehört Ihnen für das halbe Jahr." Als er aufgelegt hatte, lächelte Stieglitz die Anwältin an: "Na gut, Sie gehören mir, sagt er."

"Im Rahmen eines klar definierten Aufgabenbereichs trifft das zu", entgegnete Gianna Modugno trocken und schob Stieglitz ein mehrseitiges, zusammengeheftetes Schriftstück über den Tisch, das ebenfalls in jenem gestelzten Juristendeutsch abgefasst war, das den doppelten Zweck hatte, den Leser einzuschüchtern und möglichst wenig Interpretationsspielraum zuzulassen. "Sie müssen das nicht lesen", ergänzte sie, "ich weise sie dann schon darauf hin, wenn Sie über Ihre Kompetenzen hinausgehen.

"Na gut", entschied sich Stieglitz, "lassen Sie uns über den Auftrag sprechen. Und darüber, wie Sie mich dabei unterstützen werden." Und dann begann Gianna Modugno zu erzählen, nüchtern und faktenorientiert wie bei einer Powerpoint-Präsentation, überreichte Stieglitz dabei nach und nach die Unterlagen, die sie vor sich aufgestapelt hatte, fasste anschließend die wesentlichen Aspekte noch einmal zusammen und fragte zum Schluss, ganz Profi, ob noch irgendwelche Fragen offen geblieben seien.

"Tausende", dachte Stieglitz. Aber zwei Dinge hatte er begriffen: Sie würde in den kommenden sechs Monaten nicht ihm gehören, sondern er ihr. Und: 'Eheliche Untreue' war das geringste aller Probleme von Enrico Cabagnelli.

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