Montag, 25. April 2011

Hieb- und stichfest - Kapitel 12

"Du hast Ihn verloren! Buono a nulla! Deficiente! Wie kannst du ihn verlieren?"

Maria Cabagnelli saß mit zwei Freundinnen im San Lorenzo, einem schicken hellen Restaurant am Ortsrand und konnte offenbar nur mit Mühe ihre Wut zügeln. Gerade eben hatte ihr Telefon geklingelt, und das Konterfei von Boris Karloff in seiner Paraderolle als Frankensteins Monster war auf dem Display erschienen. Dieses Gesicht teilten sich auf ihrem Smartphone ausnahmsweise mehrere Männer. Männer, die eigentlich für ihren Gatten Enrico arbeiteten, nützliche Idioten ohne einen Wert an sich.
Sie stand auf und ging mit schnellen Schritten in den Gang, der zu den Toiletten führte.

"Hör zu, du findest ihn! Er wohnt in der Stadt, er hat sein Büro in der Stadt, er hat Freunde in der Stadt. Und so lange ich hier bin, wird er die Stadt nicht verlassen. Früher oder später kommt er nach Hause oder in sein Büro, und dann hängst du dich wieder an ihn. Du hast doch gesagt, du kannst sein Auto orten - was ist damit?"

Die Antwort schien sie nicht eben zufrieden zu stellen.

"Dein Programm behauptet, er fährt kreuz und quer durch die Stadt, aber sein Auto ist nirgends zu sehen? Wirf deinen Computer weg und mach deine Arbeit endlich wieder selbst, stupido. Die andere Sache, ist wenigstens da alles arrangiert?"

Maria Cabagnelli sah auf ihre Uhr und nickte, augenscheinlich etwas zufriedener. "Gracie. Und jetzt finde ihn. Ciao." Mit diesen Worten beendete sie das Telefonat, gerade als vom Eingang her das laute Quietschen abrupt abgebremster Autoreifen zu hören war. Sie ging ein Stück weiter in den Gang hinein, während vom Eingang her aufgeregte Stimmen zu hören waren.

Es knallte. Ein langgezogener, hoher Schrei ertönte, der mit einem zweiten Knall ein abruptes Ende fand. Dann folgte ein lautes Knattern, eine Sekunde darauf eine tiefe Stimme "Schnauze halten und auf den Boden legen! Jetzt! Keiner rührt sich!"

Maria Cabagnelli presste sich an die Wand, die Augen zu Schlitzen zusammengepresst, und atmete mit geschlossenem Mund in schneller Folge ein und aus. Stimmen waren jetzt nicht mehr zu hören, aber ein Scheppern wie von einer größeren Menge zerbrechendem Geschirr, dann noch ein undefinierbares Krachen, und dann, einen Augenblick lang, völlige Stille, der ein paar Sekunden später wieder das Quietschen von Reifen folgte. Dieses Mal von beschleunigenden Reifen.

Dann setzte ein Stimmengewirr ein: Hysterisches Schluchzen, Rufe nach einem Arzt, nach der Polizei, auch immer wieder nüchterne, kalte Stimmen, die Anweisungen zu geben schienen. Maria Cabagnelli ging zögerlich wieder in Richtung Gästeraum. Ihre Augen weiteten sich. Während sie in den Raum sah, presste sie die rechte Hand vor ihren Mund.

Zwei Tische und ein Servierwagen waren umgestoßen, zerbrochenes Geschirr lag auf dem Boden. Zwei Männer knieten über einem Kellner, der reglos am Boden lag und aus einer Wunde im Bauchbereich blutete. Einer der Männer drückte rhythmisch auf den Brustkorb des Kellners, der andere blies in größeren Abständen Luft in seine Lungen. Maria Cabagnellis Freundin Andrea saß an dem Tisch, an dem sie vor ein paar Minuten zusammen gegessen hatten und schluchzte in ein Taschentuch. Lucia, die dritte im Bunde, lag mit seltsam verdrehtem Oberkörper auf dem Tisch. In ihrer Stirn klaffte ein Loch mit dem Durchmesser einer Ein-Euro-Münze. Niemand würde sie wiederbeleben können.

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