Mittwoch, 27. April 2011

Der letzte Sturm

„Steuerbord! Verfluchter Sohn einer achtköpfigen Höllenhure, hart Steuerbord!“ Kapitän Holgers brüllte zum Rudergänger hinüber, doch der Sturm verschluckte beinahe jedes Wort. Die Santa Barbara lag jetzt fast quer zur Richtung der Wellen, die krachend am Rumpf des Schiffes brachen. Jeden Augenblick konnte der Schoner querschlagen und kentern.

Tausendsiebenhundertvierundzwanzig Seemeilen über Grund hatte der Schoner in den letzten zwei Wochen zurückgelegt. Zwei Tage hatten sie gegen den Wind kreuzen müssen, zwei weitere Tage waren sie einen Kurs hart am Wind gesegelt, doch je weiter sie nach Osten gekommen waren, desto besser schien es das Wetter mit ihnen zu meinen: Fast eine Woche waren sie bei steifer Brise raumschots dahin gesegelt. Der Sturm war aufgekommen, als sie nur noch fünfzig Seemeilen von ihrem Zielhafen entfernt waren.

Der Rudergänger stemmte sich mit aller Kraft gegen die ungeheuren Kräfte, die auf Rumpf und Ruder wirkten, und tatsächlich gelang es ihm, das Boot gegen Wind und Wellen zu drehen, die nun direkt von vorn gegen den Bug kamen. „Treibanker raus!“ brüllte Kapitän Holgers den beiden Männern zu, die sich mit fahlen Gesichtern im Heck des Schoners festhielten.

Es regnete jetzt aus dicken, tiefhängenden Wolken, die Gischt trübte die Sicht auf die durch den Schaum der Wellen fast weiße See, der Sturm blies mit einer Stärke zwischen neun und zehn Beaufort. Kapitän Holgers hatte schon viele solcher Stürme erlebt. Und eines Tages, das wusste er, würde er seinen letzten Sturm erleben. Eine Welle würde ihn über Bord schleudern, ein brechender Mast erschlagen, ein sinkendes Schiff mit sich in die Tiefe reißen.

Er presste das Fernglas an seine Augen: Am Horizont, direkt aus der Windrichtung, meinte er, etwas entdeckt zu haben. Vielleicht einen Frachter. Alle zwei Minuten gab die Schiffspfeife der Santa Barbara einen langen Ton, gefolgt von zwei kurzen Tönen ab. Dass man diese Signale an Bord eines anderen Schiffes hören würde, ließ sich gerade bei diesem Sturm nur schwerlich hoffen.

Der dunkle Fleck am Horizont wurde bald größer. Kapitän Holgers blickte ungläubig durch das Fernglas: Es war eine alte dreimastige Fregatte, die ihnen unter vollen Segeln und scheinbar ohne Mühe entgegen kam. Er suchte mit dem Fernglas das Deck ab, konnte aber niemanden entdecken, selbst die Ruderanlage war unbesetzt. In diesem Augenblick hob eine Welle die Santa Barbara an um sie gleich darauf wieder in die Tiefe krachen zu lassen. Holgers sprang seinem Rudergänger bei, um den Schoner wieder in eine sichere Position zu bringen. Als er aufsah, war der Dreimaster schon so nah, dass er kein Fernglas mehr brauchte. Er kam ihnen immer noch entgegen, da die Santa Barbara aber praktisch keine Fahrt machte, würde die Fregatte an Steuerbord an ihnen vorbei gehen – wenn auch so dicht, dass der Rudergänger nun wohl auch noch mit deren Bugwelle zu kämpfen hätte.

Holgers wollte gerade zu einem wüsten Fluchen ansetzen, als er erstaunt bemerkte, dass keiner aus seiner Crew die Fregatte auch nur ansah. Der Rudergänger blickte konzentriert über den Bug in Richtung Horizont, ein anderer versuchte augenscheinlich, mit Hilfe des Wolkenbildes abzuschätzen, wie lange der Sturm noch andauern würde, einer blickte hin und wieder nervös auf das Display des Tiefenmessers.

Die Fregatte lag nun genau längsseits an Steuerbord, und schien plötzlich keinerlei Fahrt mehr zu machen. „Kapitän Holgers!“ Der Sturm trug den Ruf von der alten Fregatte zu ihm hinüber. Überrascht blickte Holgers hinauf zur Reling der Fregatte, wo nun einen alter Mann in der Uniform eines Admirals stand. Dessen Gesichtszüge waren Holgers seltsam vertraut. Er musste ihn wohl als viel jüngeren Mann kennengelernt haben. „Kapitän Holgers! Kommen Sie an Bord.“

„Ich kann dieses Schiff nicht verlassen!“

„Doch, das können Sie. Der Sturm lässt nach, und Ihr Rudergänger wird die Santa Barabara sicher in den Hafen bringen! Ihre Arbeit ist getan.“

Holgers sah im Gesicht des alten Admirals etwas, das ihm bedingungsloses Vertrauen einflößte, während in seiner Stimme eine Autorität lag, der er nicht zu widersprechen wagte.

„Kommen Sie an Bord. Wir sind hier, um Sie nach Hause zu bringen!“ Holgers stieg nach Steuerbord, griff nach dem herabhängenden Fallreep und kletterte die Bordwand der Fregatte hinauf.

Als die Altenpflegerin in sein Zimmer kam, merkte sie gleich, dass er nicht mehr lebte. Sie schloss seine Augen und hängte den Infusionsbeutel ab. Die Kollegen aus der Verwaltung würden seine Familie und den Bestatter benachrichtigen.

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