Montag, 18. April 2011

Hieb- und stichfest - Kapitel 9

Die Morgensonne schien durch einen Spalt in den Vorhängen und weckte Sergio Cabagnelli. Der zwinkerte und drehte den Kopf auf die Seite. Die junge Frau war noch nicht aufgewacht. Er verzog das Gesicht und stieß ihr mit der Hand vor die Schulter: "Ee, steh auf, zieh dich an und verschwinde!" Er drehte sich auf die andere Seite und murmelte leiser, aber immer noch so, dass sie es unmissverständlich hören konnte: "Maledetta puttana". Ohne ein Wort stand die junge Frau auf, schlüpfte in die Kleider, die sie unweit auf einem Stuhl abgelegt hatte und schloss leise die Tür hinter sich, als sie das Schlafzimmer verließ. Sich so behandeln zu lassen, gehörte zu ihrem Job. Sergio Cabagnelli pflegte Vorkasse zu zahlen und war nicht geizig.


Zehn Minuten später stand er selbst auf, legte sich einen seidenen Morgenmantel um, und ging ins Bad. Es war kurz nach sieben, die Uhrzeit, zu der er den Tag für gewöhnlich zu beginnen pflegte. Seinen Bediensteten hatte er strenge Anweisung erteilt, ihn spätestens um halb acht zu wecken, wenn er im Hause übernachtete, aber das war in den ganzen vergangenen acht Jahren, seitdem er die Villa in Saronno, nordwestlich von Mailand, bezogen hatte, vielleicht ein- oder zweimal notwendig gewesen. Vor acht Jahren war Sergio Cabagnellis Frau Emanuela, Enricos Mutter, an Darmkrebs gestorben. Auch über die übliche Trauerzeit hinaus hatte Cabagnelli keine neue Beziehung mehr begonnen, wenngleich er die Nächte hin und wieder gern in Gesellschaft verbrachte.

Er ging ins Speisezimmer. Eine Bedienstete sah ihn kommen, und eilte davon, um sein erstes Frühstück zu holen, das nur aus einem Espresso, ein paar Keksen und der "La Republicca" bestand, die er aber meist nur überflog. Noch vor einigen Jahren hatte er die Zeitung gründlich studiert, und mitunter sogar Artikel ausgeschnitten, wenn sie unmittelbar mit seinen Geschäften in Zusammenhang gestanden waren. Doch auch an ihm war das Internet nicht vorbeigegangen: Die wirklich wichtigen Informationen bezog er längst überwiegend aus dem Internet. Dass im März sein zweiundsiebzigstes Lebensjahr begonnen hatte, war ihm dabei kein Hindernis. Als Geschäftsmann begrüßte er jede Möglichkeit, sich einen Informationsvorsprung zu verschaffen.

Der würzige, intensive Duft des Espresso verteilte sich aus der kleinen Tasse in den Raum. Cabagnelli rührte etwas Zucker hinein und stürzte die heiße Flüssigkeit dann in einem Zug die Kehle hinunter. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er einen der Kekse aufnahm und ein Stück abbiss. Weiter hinten im Wirtschaftsteil der Republicca fand er einen kurzen Absatz, in dem ein Analyst Fiats Übernahmeangebot kommentierte und den Aktionären empfahl, nicht zu früh zu verkaufen. "Aber auch nicht zu spät. Das Leben währt nicht ewig", kommentierte Cabagnelli halblaut. Die Hausangestellte, die ihm das Frühstück gebracht hatte, konnte sich auf seine Worte keinen Reim machen und sah ihn irritiert an. "Das war nicht für Sie bestimmt, Francesca", erklärte ihr Cabagnelli, der ihren Blick bemerkt hatte, "ich habe nur laut gedacht." Urplötzlich verzog Cabagnelli das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimmasse und presste seine Handflächen gegen die Schläfen. Für einen Moment sah es so aus, als kippe er jeden Augenblick vornüber auf den Frühstückstisch, dann entspannten sich seine Gesichtszüge wieder und er setzte seine Zeitungslektüre fort, als sei nichts geschehen.

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